Mit diesen Worten bin ich diesen Samstag nicht sonderlich weit gekommen, denn ich war in Narva!
Eine sehr beeindruckende Stadt, wenn auch -zugegebenermaßen und vielleicht auch zu nett ausgedrückt- nicht sonderlich schön.
Ursprünglich war Narva mal wunderschön barock, doch im zweiten Weltkrieg wurde fast alles zerbombt, sodass nur noch die Festung, das Rathaus und ein paar Häuser an die damalige Zeit erinnern. Der Rest wurde hauptsächlich durch Plattenbauten ersetzt.
Was Plattenbauten angeht, da würd ich gern noch was anmerken: Es gibt kein estnisches Wort dafür! Die hässlichen Klötze werden einfach nur als "majad" (=Häuser) bezeichnet... Wir zukünftigen Studenten werden nun aber wenigstens wunderbar auf unsere Zukunft in (hoffentlich) Studentenheimen oder anderen Wohnungen vorbereitet, denn noch heruntergekommener als hier in Estland können sie ja wohl kaum aussehen...
Übrigens handelt es sich bei dieser Stadt um den sozialen Brennpunkt Estlands überhaupt. Die Lage könnte schon so einiges verraten, die Realität bestätigt dann bloße Vermutungen: In der östlichsten Stadt Estlands, an der russischen Grenze liegend, wird fast nur russisch gesprochen, mit estnisch kommt man nicht sehr weit (nicht mal beim Bäcker um einfach nur nach Brot zu fragen) -über 90% der Einwohner sind russischstämmig...
Dass es hier nicht viel Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft gibt, ist klar. Und dass die meisten Esten keinen Wert drauf legen in diese Stadt zu fahren, ist wohl auch kein Wunder. So manche haben gar angst davor, da sie Überfälle oder etwas in die Richtung fürchten. Dieses Vorurteil meinerseits bestätigte sich sogar nochmal in einem Gespräch mit einer "weltoffenen" Estin, die einige Monate in Amerika gelebt hat, erst vor zwei oder drei Wochen aus einem Studentenaustausch in Spanien zurückgekehrt ist... Mit Russland wollen eben kaum welche zu zun haben.
Wobei mein Ausflug zumindest für heute morgen etwas bewirkt hat, da meine Chefin doch auch mal angesprochen hat, was ich mir immer und immer wieder denke und auch gern unter die Leute bringen würde:
Wächst ein Russe in einer nur russisch-sprechenden Familie auf, so fällt es ihm unglaublich viel schwerer estnisch zu lernen, zumal auch noch die Schrift ganz anders ist. Das kann sogar dann noch schwer sein, wenn sie in Kindergartengruppen mit Esten gesteckt werden, wenn das auch schon ein guter Fortschritt ist (s. Städte wie Viljandi, Tartu, Pärnu oder sonstiges). Dennoch (und das versteh ich auch) ist es ein gutes Recht eines Esten sich im eigenen Land in der Landessprache, die nun mal estnisch ist, verständigen zu können. Tja, dann muss man eben drüber nachdenken was man dagegen tun kann, dass man in Narva auch mal beim Bäcker Bort auf Estnisch bestellen kann -zu schmimpfen, dass alle Russen doch so faul wären, bringt da nicht viel!
Aber was meine Chefin heute Morgen von sich gegeben hat, hat mich echt zutiefst beeindruckt, auch wenn ihr das so vielleicht nicht verstehen könnt -für mich war es auf jeden Fall echt das allererste Mal, dass ich derartige Worte aus dem Munde einer Estin gehört habe!!
Für mehr Verständigung, bitte!
Egal, ein mulmiges Gefühl hatte ich dennoch als ich in Tartu in den Bus Richtung Narva eingestiegen war -auch wenn ich bei weitem nicht fließend estnisch sprechen kann, so habe ich mich wenigstens an den Klang der Sprache gewöhnt und verstehe doch so einiges (im Russischen könnte ich dagegen nicht mal "Hallo" oder "Danke" sagen), und dann im Prinzip nur noch russisch, eine komplette Fremdsprache für mich, zu hören, lässt einen dann glatt wieder wie einen richtigen Ausländer auf Urlaubsreise fühlen! Was ja an sich nicht mal schlimm wäre, wenn ich nicht noch zusätzlich zugeben müsste, dass ein halbes Jahr, in dem einen nur von den doch so bösen, bösen Russen erzählt wird, irgendwie doch auch abfärbt, wenn man es auch überhaupt gar nicht will! Welch Ironie... Aber Gehirnwäsche hat eben schon immer funktioniert!
Ein wunderbares Wetter hatten wir übrigens -im südlicheren Teil Estlands hats leider leider nur geregnet...
Was das Genialiste an der Reise nach Narva war? Für mich auf jeden Fall diese beiden Burgen (die eine gehört zu Narva, die andere liegt gegenüber, an der anderen Seite eines Flusses, und gehört schon zu Russland)... Bisher wurde ich immer nur enttäuscht was Burgen in Estland angeht (z.B. in Haapsalu -dieses winzige Ding!), doch hier musste ich sofort an Burghausen denken (schon alleine durch den Fluss und dass auf der anderen Seite ein anderes Land liegt, wobei dann sämtliche andere Vergleiche auch schon aufhören sollten ^^), doch diese haben den Titel tatsächlich verdient! Muss aber zugeben, dass die russische weitaus mächtiger aussieht -kein Wunder, dass "die Russen" damals auch im Kampf stärker waren ;)
Schon ziemlich cool am Rande der EU zu stehen (nur eine Brücke verbindet die beiden Länder dort) und die vielen vielen Passkontrollen zu sehen... da gehts echt extrem genau, die Autos und LKWs werden quasi auf den Kopf gestellt. Lange Wartezeiten und riesige Schlangen garantiert! So standen die LKWs schon kilometerweit VOR Narva an!
Neben der Burg und einem Rundgang durch die Stadt, haben wir uns auch das Kunstmuseum dort angeschaut, wo auch Schüler ausgestellt haben. Als ich im Internet ein bisschen nachgeforscht habe, hab ich festgestellt, dass mithilfe einer Kooperation mit der Berchtoldvilla eine neue Ausstellung stattfinden wird. Tja, da war ich dann wohl eine Woche zu früh dran...
Ansonsten gibts eigentlich nicht viel zu berichten...
Na gut, vielleicht interessiert den einen oder anderen das Wetter in Estland: Momentan ist es ziemlich warm, auf Jacken könnte man eigentlich schon verzichten, wenn nicht April wär (Aprilwetter und so...).
Wünsch euch was,
die Andy
Eine Passkontrolle...
Irgendein Gebäude hinter Trümmern
Ausschnitt des Rathauses
Burgen Estlands (Vordergrund) und Russlands (Hintergrund)
Kein Plattenbaut =)
Der Lenin...
...hier nochmal allein!
Ich auf der estnischen vor der russischen Burg

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