Mittwoch, 17. Oktober 2007

Estnischer Tango?

Hallo,
na, bei euch noch hell? Letzte Woche als ich in den Chor ging, konnte ich schon von Weitem Maria sehen; gestern war es um die selbe Uhrzeit schon dunkel. Sehr viele Hoffnungen hat mir auch Jannika gemacht, sie meinte nämlich, dass es gerade im Januar bzw. Februar normal wäre, dass es schon um zwei oder drei Uhr nachmittags dunkel wird.

Ich lebe mich hier zum Glück mehr und mehr ein. Nicht, dass ich mich vorher beklagen hätte können, aber nun finde ich immer mehr und mehr zurecht. Erstens gefällt mir meine Arbeit immer besser, einfach schon alleine dadurch, dass ich die Menschen dort besser kennenlerne, zweitens verstehe ich mich nun nicht mehr nur gut mit meinen beiden Mitbewohnerinnen, sondern fang an mich mit ihnen wirklich auch anzufreunden (man muss sich eben erst richtig kennenlernen), drittens erfahr ich jeden Tag mehr über Estland und seine Kultur. Und man beginnt sich generell heimisch zu fühlen und nicht nur wie ein Tourist, was schon alleine daran liegt, dass man inziwschen schon Leute auf den Straßen zumindest vom Sehen her "erkennt".

Apropos erkennen und so... Auf den Bildern, die im Geo-Heft übers Baltikum zu sehen sind (s. Bericht übers Viljandi Folk Festival), erkenne ich auch einige Leute wieder ;)

Wo wir schon beim Thema Folk wären...
Ich wusste ja nie so recht was das genau ist (skandinavischer oder irischer Folk sagt mir einfach mehr als estnischer), aber nun weiß ich es, und ich finde es absolut spitze!!! :)
Waren nämlich letzten Samstag auf so 'nem kleinen, ja, nennen wir es mal "Festival". Haben fast alle Bands und Musiker gesehen, die dort aufgetreten sind; also Folgende:
Mari Kalkun, Zetod, ein Trio (Toomas Valk, Jalmar Vabarna, Kristjan Priks), Fernando Stern (ein Chile) mit Antti Järvelä (ein Finne) und Maarja Nuut, sowie Svjata Vatra (der Sänger ist Ukrainer oder so, wusste keiner so recht).
Falls ihr euch jetzt fragt wer das sein soll und so, dann schämt euch, ihr Kulturbanausen! Ne, Scherz beiseite... ;) Bin mir nicht mal sicher, ob die Bands generell in Estland bekannt sind *g*
Nichtsdestotrotz waren sie alle großartig und die Stimmung (was ich "den Esten", also dem Publikum, ja nie zugetraut hätte, aber was solls) von Anfang an enorm. Doch wie sich jeder von euch sicherlich vorstellen kann (hallo, wir sprechen hier vom Norden! ;)), wurde es immer lustiger, was unter anderem auch ein wenig am Alkohol liegen könnte ;)
Obwohl es zwar generell voll war, aber die Räume ja nicht wirklich groß waren und dementsprechend insgesamt nicht sooo viele Leute hier waren, hat mir ein Konzert schon lange nicht mehr so viel Spaß gemacht.
Während sich manche Lieder fast schon wie Tango anhören (und der Folkstanz übrigens auch ein wenig so aussieht), kann man zu anderen (wirklich! *g*) Walzer tanzen.
Bei der letzten Band kamen am Ende noch ein paar der vorherigen Musiker, unter anderem Fernando, auf die Bühne und improvisierten. Improvisation aber nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter; denn nach den Konzerten sind wir noch in einen Raum, in dem die meisten Musiker noch anwesend waren und bis in die Morgenstunden weiterspielten (zumindest bis wir gingen, und das war so um halb vier).

Glaub ich muss mir wirklich ernsthaft überlegen ob ich nicht bis Anfang August bleibe um aufs Folk Festival zu gehen. Wär ja eigentlich schon ganz schön doof nur wenige Wochen davor heimzureisen!

Puh, Marie wurde heute mehr oder weniger die Freunschaft zu ihrem "besten" Freund gekündigt. Die Gründe sind etwas seltsam, wahrscheinlich hält er die Distanz einfach nicht aus. Sie sei ja so "selfish". Klar, deshalb arbeitet sie auch in einem Heim für Behinderte!
Hoffentlich passiert mir sowas nie, aber es soll ja Leute geben, die sich einfach nicht vorstellen können wieso man ins Ausland geht.

Wisst ihr was mich in Estland echt stört? Dieses sogenannte und eigentlich überhaupt nicht vorhandene Umweltbewusstsein finde ich echt schlimm! Wie kann man beim Abspülen die ganze Zeit über das Wasser laufen lassen (hab hier nur selten Stöpsel für die Waschbecken gesehen)? Oder warum lässt man seinen Müll im Wald? Außerdem gibt es keine Mülltrennung, was sogar unsere Französin stört... (das mit dem Wasserlaufenlassen macht sie eigentlich auch nicht recht viel anders).
Genauso weh tut es, wenn man an das Sozialsystem hier denkt. Entweder man fährt hier BMW oder man fährt gleich irgend so ein uraltes russisches Auto (wobei man hier ja nie so wirklich nach den Autos urteilen sollte wie ich schon mal angemerkt habe). Sozialarbeiter sind wesentlich weniger angesehen als bei uns in Deutschland und sogar Bayern (!), was sich unter anderem am Lohnunterschied bemerkbar macht. Wir verdienen hier genauso viel wie studierte Erzieherinnen, nur, dass wir wesentlich weniger Arbeit leisten müssen, weniger Arbeitstage und auch -stunden haben und zudem auch noch eine Wohnung gestellt bekommen. Ich habe zwar diesbezüglich keinen direkten Vergleich zu Deutschland, aber wenn man hier mit den Behinderten einen Spaziergang macht, dann wird man von allen Seiten generell ziemlich dämlich angesehen.
Als erkennbarer Ausländer (zwecks Hautfarbe, wobei hier schon latinomäßig reicht) wird man in diversen Städten auch schief angeguckt, aber das habe ich, glaube ich, auch schon erwähnt.
Achja, der Durchnschittslohn liegt bei etwa 500 oder 600 Euro (als deutlich unterbezahlt kann man uns Freiwillige also nicht gerade nennen ^^).
Naja, jedes Land hat so seine Schattenseiten. Dafür gibts ja dann wieder die schönen Seiten :)

Ein enormer Vorteil an der Freiwilligenarbeit ist, dass man mehr oder weniger ein richtiges Halli-Galli-Leben führen kann. Wer nicht will muss ja nun nicht mal die Sprache lernen. Denke, dass kaum jemand so viel furtgeht (auch nicht zum Essen) wie als Freiwilliger. Und kaum jemand kommt in seiner Heimat so viel zu Reisen wie in seinem Auslandsjahr.

Was ich zuhause in Deutschland sicherlich vermissen werde sind die Kohuke, Schokolade, gefüllt mit 'ner Art Quark. Wer sowas mal bei "uns" findet, bitte mitteilen :) Danke! ;)
Übrigens schmeckt hier eigentlich fast alles süßer, sogar die Fanta (die wie in Skandinavien aussieht und schmeckt, zumindest laut der Schwedin hier) und "Nutella mit Streifen" (wie auch immer man das nennen will).

Während ich kurzzeitig mal angenommen hatte, dass finnisch doch ganz schön anders ist als estnisch, wurde ich heute eines Besseren gelehrt. Angeblich kann man sich wunderbar mit den Finnen unterhalten, allerdings muss man aufpassen, da einige estnische Wörter im Finnischen was komplett anderes bedeuten...

Naja, werds jetz mal wieder packen, damit ihr nicht mit dem Lesen überfordert werdet! ;)

Machts gut!

PS: Wer mich im "Frühjahr" besuchen möchte (gel, Denis!? ;)), sollte bitte beachten was Frühjahr hier in Estland bedeutet. Dieses Jahr hats am 1. Mai noch geschneit (das war noch der Schnee, der auch liegen blieb)...

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